Bis auf die Knochen

Das ist nicht nett. Petrus, du Arsch. Um halb sieben Uhr morgens weckst du uns mit feinem Nieseln, nachdem die Nacht ohnehin eine der ungemütlicheren war. Knapp über dem Ende der offiziellen Comfort-Zone lag die Temperatur. Aber in diese ISO-Norm zur Berechnung der Schlafsack-Temperaturzonen ist der Tau des Allier-Flusstals nicht einbezogen, der fiese Morgentau, der mit seiner klebrigen Feuchtigkeit die gesamte Isolierfähigkeit des Schlafsacks sabotiert.
Komm vor-Zone. Das klingt nach den Wohnmobil-Insassen, die apathisch aus der Windschutzscheibe glotzen, wenn sie auf der Landstraße an uns vorbei fahren. Alles Sitzkacker.
Jedenfalls, es nieselt. Der Schlafsack wird nasser. „Komm, Moritz, steh auf!“ Wir sind in 20-minütiger Rekordzeit abfahrbereit, nachdem die Plane-Aufbauen-und-den-ganzen-Vormittag-am-Arsch-der-Welt-im-Regen-unter-ihr-hocken-und-nicht-mal-ein-Pain-aux-raisains-haben-Variante verworfen wurde.
200 Höhenmeter zum Warmwerden. Über den schlüpfrigen Jakobs-Wanderweg steigen wir hinauf, das Rad schiebend – Mit gestreckten Armen vor dem Körper her, oder mit angezogenen Armen neben dem Körper, oder mit den Armen auf den Lenker gestützt, oder mit der Hand am Sattelrohr gehoben, oder mit dem Sattel auf der Schulter. An der Landstraße angelangt, streifen wir schon zu 75% durchnässt ein Jäckchen und die Neopren-Ärmlinge über.
Auf in den Kampf!
Mit zusammengekniffenen Augen und neonfarbenen Rucksackhüllen jagen wir fontänenstiemend durch den strömenden Regen auf der Landstraße Richtung Le Puy.
500 Höhenmeter, die im starken Kontrast zu dem stehen, was wir uns am Vorabend, als wir im überhitzten Restaurant die typischen grünen Linsen der Region degustierten, ausgemalt hatten. Herrlich mühelos sahen wir uns hinabgleiten, der Stadtsilhouette immer näher kommend, allein von der Schwerkraft angetrieben.
Nix da. Es pisst in Stömen. An unseren coolen Mountainbikes sind so nüchtern-pragmatische Dinge wie Schutzbleche natürlich undenkbar, daher werden wir nicht nur von oben, sondern auch von unten geduscht. Der Durchnässungsgrad überschreitet die physikalischen Grenzen und erreicht 150%.
Als wir um acht Uhr morgens in den 30.000-Einwohner-Ort einfahren, der uns nach 2 Wochen Jakobsweg wie eine Weltmetropole erscheint, suchen wir ein Schwimmbad oder eine Sauna. Zur Not wären wir auch in den Schmetterlingsgarten gefahren.
Mir kommt ein Satz meiner Mutter in den Sinn, der meine gesamte Kindheit begleitete:

Ich hab‘ EISKLÖTZE als Füße!

Das Schwimmbad hat in den Ferien geschlossen, eine Sauna gibt es nicht, aber die Jugendherberge bietet unseren Rädern Unterstand und unseren gefrorenen Körpern eine Dusche. Diese Dusche ist im Keller, der in den gleichen Farben gestrichen ist wie Sanitäranlagen in Mauthausen. Es kommt tatsächlich Wasser aus den Armaturen, das sich allerdings als eher kalt denn warm entpuppt.
Nach dem Auswringen der nassen und dem Anlegen der trockenen Klamotten gehen wir barfuß in Flipflops über das historische Pflaster der Pilgerstadt (die Bike-Schuhe sind nicht nur nass, sondern auch in olfaktorischer Hinsicht äußerst unbequem) und fragen uns nach Cafés durch, die Frühstück anbieten.

Ich hab‘ EISKLÖTZE als Füße.

Die Bäckereien haben montags geschlossen.
Da hätten wir auch unter der Plane bleiben können.
Als das notorische Tröpfeln an Intensität gewinnt (es fängt an zu Pissen wie aus Kühen), beehren wir das nächstgelegene Café mit einem Besuch, verzehren zwei Croissants und zwei Heißgetränke und nicken ein.

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6 Kommentare

Eingeordnet unter unterwegs, Velay

6 Antworten zu “Bis auf die Knochen

  1. Sarah

    Fantastisch: Ein typischer, universeller Mutter-Satz. Aber mal ehrlich…Eisklötze als Füße schränken das Wohlbefinden deutlich ein. In diesem Sinne ein Hoch auf besseres Wetter, geöffnete Schwimmbäder, warmes Wasser – falls gebraucht – und Unterschlupf gewährende Bäckereien und Cafés.

  2. Gisa

    Das ist das Wunderbare an diesem 36° Sommer – immer wieder durchfährt es mich wie ein Blitz:
    Ich habe warme Füße!
    Auch wenn ich ins Bett gehe und vorher b a r f u s s im Bad gestanden habe!!!!
    Ein Phänomen.

    Ich wünsch euch nie wieder einen Komm vor-Tag auf dieser Reise.
    Nie wieder.

  3. Gisa

    Das Abendblatt sucht Texte von Hamburgern im Ausland für die Rubrik „Postkarte aus…“
    Norman Raap freut sich über persönliche Texte „… über ihren Alltag, das Land, andere Sitten, die Kultur, den Job und ihr Heimweh“ unter lokales@abendblatt.de

    Den hier fände ich total geeignet!
    Ja, ich will ihn am Samstag gedruckt sehen!
    Jaaaa!

  4. lutz

    ich hab tauchsieder als füße!

  5. lutz

    wenn ich euer schutzengel wär:
    ich würd die felsen vor euren profilen trocken pusten.
    ich würd den tau in die iso-norm einbeziehen.
    ich würd passierenden wohnmobilisten den grauen star auf auge fluchen.
    ich würd die selfinflating plane erfinden.
    ich würd statt nieselregen hirschtalg niederschlagen lassen.
    ich würd den ort „strömen“ aus der landkarte streichen.
    ich würd die linsenflatolenzen in antriebsenergie umwandeln.
    ich würd eike ne neverending klorolle an den lenker hängen.
    ich würd auch temporär mal als schutz“blech“ aushelfen.
    ich würd 50% eures teams flipflops mit aktivkohlesohle vor die „zelttür“ stellen.
    und ich würd die 2 penner im cafe wecken.
    die träumen von schutzengeln.

  6. phan-thomas

    Ich weiß gar nicht was ihr habt, mit Eisklötzen als Füßen lässt es sich leben, glaubt mir. Als qualmender Gesell hier wirds eher nichts auf Wetter zu schieben sein, dass ich stets mit kalten Schritten vor mich hingehe…

    Über die Annonce „Texte von Hamburgern“ im Abendblatt stieß ich auch und zack dachte ich auch an euch zwei… ganz wie von selbst schlich es sich in meinen Kopf. Habt ihr was eingeschickt und daraus was machen können?

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