Monatsarchiv: August 2010

Ganz akut

Erster Tag in Hamburg, schon ein Pressetermin. Der Reporter vom Eimsbüttler Wochenblatt fragt beim Frühstück im Garten, unter der Plane, auf die es tröpfelt, was jetzt, nach der Tour, noch anstünde. Ganz konkret, als nächstes.
Gute Frage.
Frühstücken, vier Stunden lang.

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Aus 2 mach 0,5 im dunklen Äther

100 zeigt der Tacho an, als die Sonne untergeht. Hundert Kilometer sind es, die wir bis dahin gefahren sind. Es fehlen nur noch 100 bis Hamburg. Nur noch eine Tagesetappe.
Für die letzten 100 Kilometer und die groß angelegte Zieleinfahrt bleiben uns 2 geplante Tage. Der Wetterbericht ist schlecht. 100 Kilometer, zwei Tage? So kurz vorm Ziel? Zwei Regentage? Wer würde Freitag nach Buchholz kommen, wenn es in Strömen regnet?
Die einzige Antwort: Wir kappen die Nacht. Direkt im Anschluss an die normale Tagesleistung suchen wir nicht den schönsten Schlafplatz, sondern die größte Herausforderung. 12 Stunden Fahrradfahren. Weiter, durch die schwarze Nacht, auf dem schwarzen Asphalt, weiter, bis Hamburg.
Durch die schwarze Lüneburger Heide, über schwarze Radwege an schwarzen Landstraßen, zwischen grauen Baumstämmen und weißen Reflektoren. Weiße Punkte im schwarzen Nichts.
Die kleinen Camping-Kopflampen erhellen die drei Meter vorm Lenker. Neben dem schwarzen Asphalt blitzen graue Baumstämme auf und verschwinden. Hinter dem dunkelgrauen Schein der Kopflampen: Schwarz. Schwarzer Äther.
Wir decken uns bei den bunt gleißenden Verpflegungsstationen (Supermärkte) mit Apfelsaft, Riegeln, Trockenfrüchten und Bananen ein. Mehrmals – Der Treibstoff ist schnell verbraucht.
Wir fahren weiter, dem brennenden Arsch zum Trotz. Wir überhören den Ruhewunsch der harten Achillessehnen. Wir berauschen uns am Summen der Reifen im schwarzen Nichts. Die Beine treten weiter.
Die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos überblenden die Schmerzen im Rücken. Die Reifen summen. Wir singen.
Himmelsrichtungen sind schwer auszumachen im Nichts. Wir verfahren uns 2-mal und haben bei der Ankunft auf dem Apostelkirchen-Platz 226 Kilometer auf dem Tacho.
Der Sekt schmeckt süß. Sehr süß.

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Eingeordnet unter Hamburg, Lüneburger Heide, unterwegs

Centrum

Die letzten Höhenmeter in den Harburger Bergen sind geil. Richtig hart und sind die Musklen, richtig schwer die Beine. Aber es funktioniert noch, man kommt mit 16 km/h den Berg rauf und mit 35 wieder runter. Die Berge sind sanft, hier, im hohen Norden, nahe der Heimat.
Wir pesen in einem Lucas-Brunelle-mäßigen Dreiergespann durch die leere Nacht. Volle Kanone. Keine Kreuzung zu groß, kein Waldstück zu dunkel, keine Kurve zu eng.
Wir
haben
es
drauf!
Gottfried, Eikes Vater, holt uns um elf Uhr nachts in Buchholz ab. Er kommt uns von S-Bahn Harburg entgegengeradelt. Wir treffen in der gleichen Sekunde in Buchholz ein, klatschen uns ab und fetzen in die Stadt.
Die Stadt schläft, es herrscht kein Verkehr, in dieser Mittwochnacht. Die typischen Leuchtschilder „Centrum“ in weiß und in gelb heißen uns willkommen. Im Hafen stehen die Kräne still, die Container stapeln sich. Breite Straßen, grüne Bäume, fette Hafenindustrie. Kopfsteinpflaster und Klinker.

Die Euphorie ist nicht angetrunken, nicht geschnupft und nicht künstlich. Die Euphorie kommt von ganz unten, von tief innen. Wir geben Gas. Wir jodeln in Unterführungen. Wir nehmen uns an den Schultern und fahren posierend wie Etappensieger der Tour de France über die Elbbrücken, die Arme weit nach oben gestreckt.

Wir treten in die Pedale, als wir in den alten Elbtunnel fahren. Beim Selbstportrait in voller Fahrt lege ich mich beinahe auf die Fresse. Eikes Übermut äußert sich nicht so glimpflich, er springt direkt auf eine Metallkante und zerfetzt sich den Schlauch. Bei der Reparatur vor den Fahrstühlen kriecht die Müdigkeit in die Knochen, es ist kurz vor eins, wir sind seit 13 Stunden auf dem Fahrrad.

Wir singen, als wir die Reeperbahn überqueren.
Wir jubeln, als wir durchs Schulterblatt fahren.
Wir hüpfen über die letzten Treppenstufen und werden, als wir Arm in Arm das vorbereitete Zielbanner durchqueren, von strahlenden Elternfans empfangen, die Tränen in den Augen haben.

HAMBURG!

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Eingeordnet unter Deutschland, Hamburg, unterwegs

Neuigkeiten

  • Neue Einträge seit 15. August
  • Beim gemeinsamen Zieleinlauf am Freitag darf gerne das eigene Fahrrad dekoriert werden:
    Die meisten Kilometer auf der Reise von Pamplona nach Hamburg sind überwunden. Über Steigungen mit 33.000 Höhenmetern haben Eikes und meine Waden uns getragen. Vier Tage rollen wir jetzt in der Norddeutschen Ebene noch aus. Soll gut sein für die Muskeln. Ein Stückchen an der Weser und der Leine entlang und dann noch kurz durch die Lüneburger Heide – Schon sind wir Freitag Mittag in Buchholz.
    Und ab Buchholz! Ab Buchholz kommt der größte peace train seit Woodstock in die Gänge! Ab Buchholz schließen sich jung und alt zusammen, um auf den letzten Kilometern vor Hamburg ein rundes Fest des Zweirades zu feiern, um den Moment zu bezeugen, wie Eike und Moritz nach 3000 Kilometern in der hanseatischen Heimat eintreffen. Ab Buchholz wird „Radln gegen Armut“ radikal demokratisiert!
    Derbe Buchholz, Digger!

    Wer nicht mit dem Fahrrad nach Buchholz fahren will, kann um 11:15 vom Hamburger Hauptbahnhof mit der Bahn anreisen, um um 11:38 in Buchholz zu sein.
    Um 12:00 Uhr ist offizieller Treffpunkt vorm Bahnhof.
    Geheimtipp von Pabst: „Gepäck mitnehmen kostet nichts extra. Also einfach ein bisschen Pappe ans Fahrrad kleben und als Gepäck deklarieren.“

    Auf die Pappe kann, wer mag, seine Forderungen für eine sozialere und ökologischere Gesellschaft schreiben, oder das Radln gegen Armut-Logo, oder ein pain aux raisins malen.

    Wir freuen uns über zahlreiches Erscheinen, gerne auch weitersagen.

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Street Pizza

Nagetiere, Amphibien, Insekten, Greifvögel, Schnecken, Haustiere, Singvögel – Was sich auf den Straßen Europas tümmelt, ist wahrhaftig einen näheren Blick wert. Zerquetscht, zertrümmert, zermatscht – Die Kreativität der Todesursachen durch den motorisierten Verkehr kennt keine Grenzen.

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Regina

Vor zwei Jahren, da hat sich Regina von ihrem Mann getrennt. Bei ihrem Vater, dem alten Choleriker, wollte sie mit ihrer erwachsenen Tochter nicht einziehen. Ein bisschen Geld hatte sie gespart, und kaufte sich ein altes Fachwerkhaus aus dem 17. Jahrhundert.
Neben ihrem Job als Krankenschwester entwickelte sich das Haus zur perfekten Frust-Therapie für die gescheiterte Ehe. Jeden Abend, jeden Samstag, jeden Sonntag: Tapeten abziehen, Balken freilegen, Teppiche ‚rausreißen, Böden abschleifen, Putz abschlagen – Den körperlichen Tätigkeiten waren keine Grenzen gesetzt. So bewegend war dieser Befreiuungsschlag, dass Regina keine Minute davon abweicht, uns die Renovierung in jedem Detail zu schildern.
Zwei Stunden brav zuhören für eine warme Mahlzeit, eine warme Dusche, eine dicke Portion Gastfreundschaft, eine gemütliche Nacht im neuen alten Haus und ein entspanntes Frühstück mit Tochter Lisa. Die Frikadelle am Ohr – Eine ungewohnte Abwechslung zum Rede und Antwort stehen über unsere Radreise.

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Chill Out

Dieses Geräusch ist eine Nichts-Tu-Tröte, ein Schlaf-Weiter-Weckruf, ein Ach-egal-Appell. Wenn morgens der Regen auf die Plane prasselt, heißt es: Umdrehen, schnell das Ziel für die Tageskilometer vergessen und weiterschlafen.

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Eingeordnet unter Deutschland, unterwegs