Archiv der Kategorie: unterwegs

Zurück in Deutschland

Die Sonne blinzelt über die Kämme der Schwarzwaldhügel. Sie blinzelt unter die Plane, lässt den orangenen Schlafsack in all seiner Neonpracht erstrahlen, bringt den roten Rahmen meines vollgefederten Fahrrades auf dem satten grün der Wiese zur vollen Komplementär-Geltung.
Auf den einsamen Waldwegen des Schwarzwaldradweges waren am Vortag die Einkaufsgelegenheiten Mangelware. Eine Idylle ohne Frühstück.
Die ersten neun Kilometer wecken uns auf: Kurze Abfahrt, 57 km/h max, dann gesalzene 400 Höhenmeter rauf. Die einzige Einkehrmöglichkeit, die an einem Werktagmorgen geöffnet hat, befindet sich an der Talstation des Belchen-Lifts.
Kein Zweifel: Wir sind zurück in der Heimat. Das ist Deutschland!
Helles Holzdekor an den Wänden, gebügelte türkise Decken auf den Tischen, braune Fliesen mit hellbraunen Blumen in den überdimensionierten, nach Geschlechtern getrennten, blitzblanken sanitären Anlagen und der Clou: Voller Komfort durch samtene Sitzpolster in schwarz-lila.
Das frischgeschlagene Rührei mit Speck wird untermalt von einem Monolog am Nachbartisch. Ein Hotelangestellter bereitet mit psychologischem Geschick sein Gäste-Ehepaar auf ihr ganz großes Abenteuer vor: Die Halbtageswanderung mit Rückfahrt im Bus. Mit väterlicher Sorgfalt und in lupenreinem Schwabenschwatz erklärt er die Wanderkarte in aller Ausführlichkeit.
„Die rodde Raude isch dr Weschtweg. Lassense sich net däusche, des geht immr brgab, des steile kommt ersch zum Schlss!“

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Schwarzer Wald und blauer Himmel

Hier ist die Welt noch in Ordnung, im Südschwarzwald, fernab der Touristenpfade, auf dem entlegenen Schwarzwaldradweg.

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Todesangst im Spießer-Chaos

Was für eine Umgewöhnung! Nach sieben Tagen Mountainbiken in den Bergen plötzlich die Großstadt. Die regeltreue, saubere, graue, carportig-geordnete Einengungs-Welt des bitterhässlich-spießigen Vororts hätte mich direkt in die Straßenbahn getrieben und das mit dem Mit-den-eigenen-Waden-die-gesamte-Strecke-Bewältigen ganz schnell vergessen lassen, wenn Eike nicht standhaft geblieben wäre. Wir bleiben sitzen und fahren das letzte Stückchen der Etappe nach Basel weiter auf dem Fahrrad. Er soll recht bekommen. Im Windschatten eines Rennradfahrers lässt es sich besser ertragen, wir sind schnell in der Innenstadt. Weniger spießig, genauso geordnet, aber voller: Gefährlich!
Die Herrscharen von anderen Radlern, Autos, Fußgängern, Mofafahrern, Taxis, Ampeln, Zebrastreifen, hübschen Mädchen, Bordsteinkanten, Straßenbahnen, Kinderwagen! Alle bewegen sich! Was für ein Durcheinander!
Ich wünsche mich wieder zurück auf die einsamen Landstraßen, wo man es nur mit Straßenbegrenzungspfosten, Bäumen, Milchwagen und zerquetschten Igeln zu tun hat. Oder in den Wald, wo man außer Büschen, Schnecken und Holzstapeln nur glitschigen oder scharfkantigen Felsbrocken ausweichen muss, die genau wie die Schlammpfützen und Schlaglöcher wenigstens an ihrem Platz bleiben. Die Radfahrer, Motocrosser und Wanderer, die sonst so durch Alpen- oder Pyrenäengefilde pirschen, sind im Jura selten anzutreffen. Viel Natur, viel Regen, viel Matsch, viel Nebel, viel kalt. Wenig Ausblick. Kein Wunder, dass wir da alleine waren.
Ein Ruhetag in Basel erlaubt uns am nächsten Tag doch noch die Fortbewegung in der Straßenbahn.

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Richtig ein‘ reinkippen

Die Tage, wo man aus den Bergen kommt, den Ruhetag vor sich, die Tendenz bergab, die sind gut. Richtig gut. Ein Salat auf der sonnigen Terrasse von Eikes Onkel, mit Champignon-Vierteln getränkt in Olivenöl und Oregano, und acht Weizenbier, krönt diese Ankunft in Basel. Alkoholfrei.

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Jura in Zahlen

Für den Saut du Doûbs, einen tollen Wasserfall in einem malerischen Flusstal, haben wir nicht mal ein müdes Lächeln übrig. Vom Himmel gießt es den lieben langen Tag wie in Niagara. Auch schon an den vorhergehenden Tagen war ein notorisches Tröpfeln des grauen Himmels Dauergast.
Es tropft auf die Plane beim Einschlafen, es prasselt nachts von der Seite auf den Schlafsack, es weckt morgens das Rascheln des Nieselns, und tagsüber spritzt der Schlamm auf die Gläser der Brille und das Mundstück der Trinkflasche.
Weil auf diese Weise keine hübschen Erinnerungsfotos von des Umlands Wipfeln entstehen (das Mont-Blanc-Massif wäre bei besserem Wetter zu sehen gewesen), gibt es zu sechs Tagen Jura (+1 Tag Anfahrt aus Lyon) hier die rohen Zahlen als Übersicht. Man bedenke die widrigen Umstände.

Tag Strecke überwundene Höhenmeter
So, 1. Aug 63 1287
Mo, 2. Aug 63 1216
Di, 3. Aug 68 1033
Mi, 4. Aug 80 1581
Do, 5. Aug 55 1406
Fr, 6. Aug 103 1256
Summe 432 7779
Durchschnitt 72 1296,5

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St. Ursanne II

Ein Jahr später. Wieder dieses malerische Dörfchen. Es war so heiß, letztes Jahr, dass wir in St. Ursanne mit den versifften Klamotten baden gehen konnten. Nach dem Mittagsschlaf waren sie schon wieder trocken. Gegenüber der Badestelle fahre ich jetzt wieder vorbei, nicht mit Lutz, sondern mit Eike, und der Kälte in den Knochen. Wir frieren von der langen Abfahrt und dem bewölkten Tag im Bergklima. Die 310 Höhenmeter, die mir damals alles abverlangten, erledigen wir diesmal im Handumdrehen – Mit viel weniger Gepäck am Rad und einer ausgeklügelten Ruhetag-Planung zum Erholen.

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Wir haben dir was mitgebracht – nass, nass, nass!

Feucht, kalt, nass.
Glitschig, rutschig, matschig.

Die 55 Kilometer sehen wenig aus, aber mit 1400 Höhenmetern auf kleinen fiesen Pfaden im Dauerregen zehren sie an den Kräften. Die Blicke auf die Schluchten des Doubs sind nicht sehr verheißungsvoll, Wasser ist eh schon überall.
Eine weitere Nacht draußen würden wir nicht überstehen. Gott lenkt einen Sonnenstrahl auf die Kirche und ein netter Pfarrer lässt uns im Gemeindesaal nächtigen.

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