Archiv der Kategorie: Pyrenäen

Das Aus in Kurve 27

(Für Eltern und Jungendliche unter 18 Jahren nicht geeignet)
Der Tacho trügt nicht und zeigt 72km/h an, während wir den Bentarte-Pass herunter jagen. Die Pilgerer hinter uns gelassen, liegt eine Tour-de-France-artige Rennstrecke vor uns. Es beginnt ein bitterer Zweikampf zwischen Fahrrad und Straße. Moritz und ich profitieren von der Treue unserer hydraulischen Scheibenbremsen, nur 1,5 kg Gepäck auf dem Gepäckträger und zentrierten Laufrädern. Javier bedient sich berrgauf zurecht seiner köperlichen Fitness um Material-Nachteile auszugleichen, bergab verliert er allerdings den Zweikampf Rad gegen Straße. Nach etwa 4km Abfahrt sind die Bremsgummis weich wie Kaugummi und auch nach erfolgreichem blockieren der Räder, bei etwa 40 km/h, lässt sich das Rad nicht mehr sauber um Kurve 27 lenken. Die 7kg Gepäck auf dem Gepäckträger unterstützen die eleganten Schlangenbewegungen des Hinterrads, die allerdings nach 5 Metern mit einem Bocksprung Javiers enden, der sich gekonnt über den Lenker verabschiedet und mit einer Rolle über den Asphalt bis auf einen kleinen Kratzer und eine Prellung der Ferse verschont bleibt. Sein Drahtesel ist weniger erfreut. Die schlangenförmige Bewegunge des Hinterrads lässt sich nicht mehr entfernen. Letzte Zentrierversuche reichen nur, um zum nächsten Fahrradgeschäft zu kommen, um es dort zu ersetzen.
Mit den Gedanken sind wir bei Javiers Hinterrad und dessen bis dahin treuen Diensten!

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Hoch! Die! Internationale! Pilger-Integrität!

Wie drei Hotelmanager pesen wir die 1200 Höhenmeter vom Bentarte-Pass herunter. Aber nicht an unsere Gäste, sondern an die entgegenkommenden Pilger richten wir das Wort. Es wimmelt von ihnen. So vielseitig die Wegbeschaffenheit, so unterschiedlich sind die Nationalitäten. Wir schicken unsere adrenalingeladenen Grüße an ein durch-globalisiertes Pot-Pourrie aus Wanderern:
„Hola, buen camino!“
„Kaixo!“
„Bonjour!“
„Take care!“
„Moin moin!“
„Goude Dagh!“
„Sayunara!“
„OLÉOLÉOLÉOLÉÉÉ!“

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Euphorie und Adrenalin

Der fünfköpfige Euphorie-Express verfügte gestern noch über eine gute-Laune-Garnitur aus Javier, der den gesamten Juli mitfährt, aus David und Daniel, die uns den ersten Tag eskortieren und aus Eike und mir. Heute sind wir nur noch zu dritt.
Javier, der heiße Hund, streift zu Beginn des Tages sein versifftes, ehemals weißes San-Fermin-Outfit ab. Von oben bis unten befleckt waren seine Kleidungsstücke. Der liebenswürdige „regalo abrazos“-Schriftzug – „Umarmungen zu verschenken“ – prangte unüberlesbar in handschriftlicher Edding-Ästhethik auf seinem Rücken. Doch für den zweiten Tag hat sich Javier in Schale geworfen. Weil wir jetzt nur noch zu dritt sind, und der Tag mit dem Überwinden der Pyrenäen beginnt, muss er sich gedacht haben: „Ein bisschen psychologische Kriegsführung kann nicht schaden“. Der Anfang der Tagesetappe heißt Pyrenäenüberquerung, über den Bentarte-Pass. Dieser Pass hört auf die Zahlen „400 Höhenmeter auf 4 Kilometern“ mit „25 Prozent Steigung“. Javiers neues Trikot ist strahlend weiß mit großen roten Punkten – Es funktioniert, Javi lässt uns hinter sich und wird Sieger in der Bergwertung.

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Ein Vergnügen für jung und alt

(Für Eltern und Jungendliche unter 18 Jahren nicht geeignet)
Er liegt am Boden. Er schreit. Er bittet um Hilfe.
Zu fortgeschrittener Spätnachmittags-Stunde, schon einige Pässe und Steigungen in den Waden, schießt Daniel aus einem dunklen Heckentunnel auf die Landstraße und sieht sich frontal über einen Audi A6 fliegen. Panikerfüllt greifen seine Hände zu den Bremshebeln, das Vorderrad rutscht zur Seite, er fliegt über den Lenker, landet gleich neben der Fahrbahn, versucht sich abzurollen und schreit.
Der Audi ist zwar schon weg, die Kollision ist nicht eingetreten, aber die Überraschung, nach dem friedlichen schmalen Heckentunnel auf einen bedrohlichen Zweitonner aus deutschen Landen zu treffen, der es auf plötzlich auftauchende Radfahrer abgesehen hat, sitzt tief.
„Aaaah! Aaaaaaah! Ayuda! Ayudame!!“
Die stimmgewaltige Schmerz-Show wirkt. Das besorgte Team der sportlichen Jungspunde hilft dem Dienstältesten auf die Beine, zwei Autofahrer halten an.
„Ich bin bei der Feuerwehr, soll ich nicht besser einen Krankenwagen rufen?“ – „Nein, ist kein Problem, meine Freundin ist mit dem Auto hier, die ist in fünf Minuten da.“
Keine Querschnittslähmung, keine ausgerenkte Schulter, keine Gehirnerschütterung, kein gebrochener Arm. Daniel findet nach wenigen Minuten unter erleichtertem Lachen wieder seine gewohnte Form, erklärt den umstehenden seinen Schock. Ein blutiger Ellenbogen und ein aufgeschürfter Rücken veranlassen ihn zum Rufen des Begleitfahrzeugs. Freundin Eva ist hurtig zur Stelle und nimmt die beiden Pamplonesen David und Daniel mit ihren Fahrrädern ins Auto.
Wir holen Rucksäcke und Gepäckträger aus dem Kofferraum und werden uns bewusst, dass die Anstiege der nächsten Wochen nicht so leichtfüßig zu bewältigen sein werden wie an diesem ersten gepäckfreien Tag.
Bei der herzlichen Verabschiedung (Achtung, nicht auf Daniels Rücken drücken) wird noch ein finanzielles Doping verabreicht, von Daniels Familie und deren Freunden, die wir in der letzten Woche in dem großen gastfreundlichen Haus kennengelernt haben.
Danke! Und gute Besserung!!

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