Regina

Vor zwei Jahren, da hat sich Regina von ihrem Mann getrennt. Bei ihrem Vater, dem alten Choleriker, wollte sie mit ihrer erwachsenen Tochter nicht einziehen. Ein bisschen Geld hatte sie gespart, und kaufte sich ein altes Fachwerkhaus aus dem 17. Jahrhundert.
Neben ihrem Job als Krankenschwester entwickelte sich das Haus zur perfekten Frust-Therapie für die gescheiterte Ehe. Jeden Abend, jeden Samstag, jeden Sonntag: Tapeten abziehen, Balken freilegen, Teppiche ‚rausreißen, Böden abschleifen, Putz abschlagen – Den körperlichen Tätigkeiten waren keine Grenzen gesetzt. So bewegend war dieser Befreiuungsschlag, dass Regina keine Minute davon abweicht, uns die Renovierung in jedem Detail zu schildern.
Zwei Stunden brav zuhören für eine warme Mahlzeit, eine warme Dusche, eine dicke Portion Gastfreundschaft, eine gemütliche Nacht im neuen alten Haus und ein entspanntes Frühstück mit Tochter Lisa. Die Frikadelle am Ohr – Eine ungewohnte Abwechslung zum Rede und Antwort stehen über unsere Radreise.

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Chill Out

Dieses Geräusch ist eine Nichts-Tu-Tröte, ein Schlaf-Weiter-Weckruf, ein Ach-egal-Appell. Wenn morgens der Regen auf die Plane prasselt, heißt es: Umdrehen, schnell das Ziel für die Tageskilometer vergessen und weiterschlafen.

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Germania Monsoon

Das drückt auf’s Budget, das Scheißwetter. Draußen Radfahren bei Nieseln und Regen, das geht ja noch. Wenn einem kalt wird, tritt man fester in die Pedale. Für die Leistung ein Segen.
Aber sich draußen aufzuhalten, wenn es tagelang grau ist, das geht nicht. Gemütliche Orte ohne Konsumzwang, die sind außerhalb des privat Abgeschotteten nicht zu finden. Wir geben bei jedem Aufwärmen, bei jedem drinnen Aufenthalten – Abgesehen vom abendlichen in-den-Schlafsack-Kriechen und vom Couchsurfing – Geld aus.
Auf öffentliche Bibliotheken, Bahnhofshallen oder Kaufhäuser auszuweichen, wo es warm und trocken ist, aber kein Konsumzwang herrscht, dazu sind wir nicht fähig. Wenn man schon draußen schläft, im Zugwind, unter einer einer hüfthohen kondenswasser-feuchten Plane, und schon seit Wochen auf den Luxus der eigenen festen Behausung verzichtet, soll es wenigstens beim Essen gemütlich sein.
Die westliche Zivilisation ist schon seltsam. Das Dach über’m Kopf bietet Schutz vor der fiesen Umwelt, kostet aber selbst arme Studenten noch mindestens 10 Euro am Tag. Jeden Tag zehn Euro allein für das Recht auf die vier Wände – Manche geben fürs Essen weniger aus.
Unser Reise-Konzept zeigt Schwächen, es war nicht auf tagelangen Regen ausgelegt. Die Natur hebelt unseren Minimalismus aus. Der Gaskocher bleibt kalt. Wir müssen es um die Inanspruchnahme kommerzieller Gastronomie erweitern.
Couchsurfing funktioniert hervorragend. Offene, großzügige Menschen öffnen die Pforten ihrer Behausung und bieten Reisenden wie uns Obhut. Aber eine exakte Planung der Tagesetappe ist nicht möglich, wenn man die Strecke nicht kennt, wenn man nicht weiß, welche Pannen und Wetterkapriolen uns an diesem Tag überraschen werden. Oft fühlen wir uns abends noch fit und fahren weiter als gedacht. Oft liegen die Häuser der couchsurfing-Gastgeber im Tal, wenn wir auf einem Höhenweg sind, oder sie sind zu weit weg von der Strecke.
Die Autonomie der mobilen Behausung gewinnt. Egal wo, eine Plane ist schnell aufgespannt. Sie ist unschlagbar leicht, aber eine Plane ohne Zeltboden gibt die Nässe der Wiese direkt an den Schlafsack weiter. Trotz Isomatte. Scheint tagsüber nicht die Sonne, kann man den Schlafsack nicht trocknen, und abends kriecht man wieder in den feuchten Schlafsack. Zwei bis drei Nächte lassen sich bei milden Temperaturen und bei Windstille so aushalten, dann wird es kritisch.
Kritisch in doppelter Hinsicht: An das Empfinden von kalten Füßen gewöhnt man sich, wenn man den ganzen Tag mit nassen Schuhen fährt. Aber der ehrlichste aller Sinne, der Geruchssinn, will sich nicht daran gewöhnen: An modernde Socken, an modernde Rucksackpolster und an modernde Trikots. Dieser Gestank ist neu. Das hat nichts mehr mit Schweiß zu tun, nichts mehr mit der Sonnencreme von Vorgestern, nichts mehr mit vaselinegetränkten Radhosen-Polstern – Das ist eine
Liga höher.
Flüsse, Bäche und Seen verlieren ihre Anziehungskraft, an feuchten Abenden vor absehbar kühlen Nächten. Auch im Tau auf der Wiese suhlen wir uns nicht mehr. Im Regen zu tanzen würde sich anbieten, aber mit Brennesseln und Disteln im Fuß versaut man sich den Stil.
Wir gehen dazu über, Socken, Rad-Handschuhe und uns selbst auf den beheizten Toiletten von Cafés, Restaurants und Imbissen zu waschen.
Am besten eignen sich dafür Asia-Imbisse. Die bieten Essen mit frischem Gemüse zu geringen Preisen, schenken Tee in großen Kannen aus und sind am schlechtesten besucht – Die Regenzeit übersteht man am besten bei Tschi-Gong, Thai-Fung und Sou-Hu, da stört einen niemand am Waschbecken.

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18-mal effizienter als ein Öko-Auto

Von Schonach im Schwarzwald bis nach Karlsruhe sind es entlang dreier perfekt ausgeschilderter Radwege 177 Kilometer. Diese Distanz ist von zwei gut trainierten Radlern in einem Tag zu bewältigen, die dafür gute 7 Stunden im Sattel sitzen (so wie wir am 11. August). Im Laufe des Tages tanken diese Sportler 3500 kcal Energie – Inklusive Abendessen nach der Tour.
Mit genau dieser Menge Energie schafft man im Hybridauto TWIKE, das zur Hälfte muskelbetrieben und zur anderen Hälfte elektrisch fährt, ein gutes Drittel der Distanz, nämlich 66 Kilometer. Ein komplett elektrisch betriebener Kleinwagen vom Typ Hotzenblitz schafft es immerhin 40 Kilometer, während der als umweltfreundlich geltende Elektro-Sportwagen Tesla Roadster schon nach 16 Kilometern neu laden müsste. Ganz schlecht schneiden die „Öko-Autos“ mit Dieselmotor ab: Ein dieselbetriebener smart fortwo müsste schon nach 11,7 Kilometern zur Tankstelle, ein Golf bluemotion Diesel schafft keine 9 Kilometer.

Öko?

Die umweltfreundlichsten Diesel-Autos auf dem deutschen Markt schneiden im Hinblick auf die Energieeffizienz also ganz schlecht ab. Die rohen Zahlen sprechen eine klare Sprache: Wer mit dem Fahrrad, dem effizientesten Verkehrsmittel, ein Problem hat, sollte wenigstens auf leichte Elektroautos umsteigen!

Mach‘ die Karre voll

Aus Angst vor mathematisch unmöglichen negativen Zahlen bei der Reichweite ist der Flugverkehr nicht aufgelistet.
Nicht in diese Rechnung eingegangen sind die Sitzplätze – Auf einem Fahrrad findet nur eine Person Platz. Setzte man den pro-Kopf-Energieverbrauch eines Radlers voraus, und multiplizierte man ihn mit der Zahl der Insassen, käme ein vollbesetzter Golf immerhin halb so weit wie ein vollbesetzter Hotzenblitz. Die Energie zur Herstellung, für den Transport und die Verpackung der Lebensmittel ist ebenfalls nicht berücksichtigt – Aber auch im Dieselverbrauch fehlt die Energie für die Bereitstellung des Kraftstoffs.

Zusammensetzung Treibstoff Mensch

Menge genau was Kalorien, kcal Energie, kJ
halbe Packung 100g studentenfutter 480 2000
vier Stück 160g müsliriegel 645 2654
drei Stück 180g powerriegel 600 2510
3 Stück mittelgroß 360g bananen 342 1432
Ein Stück Zwetschgenschnitte 205 865
eine halbe Mohnschnecke 150 628
ein belegtes Brötchen, Weißmehl 300 1254
eine Flasche 0,5 Liter Iso-Drink 85 365
eine Flasche 0,5 Liter Apfelsaft 250 1046
doppelte Portion 350g Nudeln mit Sahne-Gorgonzola-Soße und Blumenkohl 427 1775
Summe 3484 14529

Datenblatt Mensch/Elektroauto/Dieselauto

fortbewegung Sitzplätze Gewicht in kg verbrauch 100km verbrauch in kWh Reichweite mit 3500 kcal in km
Fahrrad, muskelbetrieben 1 13 1948 kcal 2,27 177
TWIKE Hybridmobil Mensch/Elektro 2 250 6kWh 6 66,97
Hotzenblitz 2 780 10 kWh 10 40,18
Tesla Roadster 2 1220 24,4 kWh 24,4 16,47
smart fortwo Diesel Verbrennungsmotor 2 805 3,3 L Diesel 34,32 11,71
Golf bluemotion Diesel Verbrennungsmotor 5 1200 4,5 L Diesel 46,8 8,59

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Frankfurt

Das soll die Stadt sein, von der ich immer dachte, es sei die hässlichste Deutschlands? Dieser Marktplatz mit diesen süßen Fachwerk-Fassaden, diese offenen Menschen und liebevoll eingerichteten Cafés, dieser majestätitsche Main mit seinen hervorragend ausgeschilderten, fern jedweden Straßenlärms geführten Hessen-Radwegen? Ist das wirklich Frankfurt?

  • Strandcafé
    Koselstr. 46
    60318 Frankfurt/Main
  • CAFE KARIN
    Grosser Hirschgraben 28
    60311 Frankfurt/Main

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Hessen

Hessen ist schön. Bunt gestrichen sind die Balken der Fachwerkhäuser, lieblich geschwungen die Hügel des Odenwaldes. Die Menschen sind einfach, offen und freundlich, die Radwege leer.

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Alle hocken drinnen – Wir nicht

Lesen, glotzen, arbeiten, schlafen, essen, daddeln, saufen. Alle hocken drinnen.
Zwischen dem einen oder anderen Busch macht man einen vereinzelten Hundebesitzer aus, der hinter seiner Kapuze oder unter seinem Regenschirm sehnlichst darauf wartet, dass das ockerfarbene olfaktorische Oeuvre seines besten Freundes sich endlich emanzipiert und den Weg aus dem dunklen Hundedarm in die feuchte Freiheit findet.
Man selbst ist einzig mit einem neonfarbenen Rucksacküberzug bewaffnet. Das kurze weiße Trikot und die kurze schwarze Radlerhose sind so selbstverständlich am Körper, dass der Begriff „Alltagskluft“ schon untertrieben wäre. In ihnen zieht man durch die Lande, wie immer. Auch diese Sportpelle ist ein olfaktorisches Oeuvre, aber zumindest die dem Regen ausgesetzte Vorderseite profitiert vom Niederschlag. Die sanfte Gesichtsmassage vom Nieseln würde gar nicht auffallen, wenn sich die Schlechtwetter-Gläser der Sportbrille nicht mit Wassertropfen füllten und die Sicht trübten.
Ein tiefes Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit macht sich breit, wenn man Kilometer für Kilometer den Gewalten trotzt.
Ihr hockt drinnen – Wir radeln.

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