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Geh doch nach Hause, du alte Sitzkacker

Ein Bad in der Loire, nach einem Tag auf der Landstraße, der sich gut liest in der Statistik, tut gut. Die natürliche Gegenstromanlage verlangt einem Muskelaktivität des Oberkörpers ab: Schultern, Arme, Rücken. Ein angemessener Ausgleich zu 102,5 Kilometern auf dem Rad. Und ein eingelöstes Versprechen. Von Le Puy aus sind wir diszipliniert durch die ruhigen Landstraßen an den „Gorges de la Loire“, den Schluchten der Loire, geradelt. Ohne uns von diesem sauberen Nass verführen zu lassen, das sich aus verschiedenen Seehöhen in all seiner Pracht betrachten ließ. Ganz natürlich zwischen Felsen und Wald, einladend mit Kanu- oder Tretbootverleih, zur Rast verführend in kleinen Dörfern mit gemütlichen Cafés: Nein, wir bleiben hart, wir sind keine Sitzkacker, wir fahren weiter. Am Nachmittag, nach einer kurzen Pause im Wald, klettert das Thermometer auf 28 Grad. Wir strampeln. Die eiserne Disziplin wird belohnt. Das Etappenziel erreichen wir vor Ladenschluss. Beim Bäcker erzähle ich von unserer Tour, drücke der freundlichen Verkäuferin einen frischgedruckten Fyler in die Hand (Der vorhergehende Ruhetag war produktiv) und bekomme ein Vollkornbaguette und zwei Berliner geschenkt. Dann im Hellen einen Schlafplatz suchen und baden gehen. Und kochen. Datteln, Lauch und Gemüse mit Erdnüssen in Kokosmilch auf Basmatireis. Damit lassen wir alle Sitzkacker alt aussehen.
Das gepflegte Entspannen nach dem Vollfressen wird jedoch plötzlich unterbrochen. Dicke Tropfen prasseln vom dunkeln Himmel und katapultieren die zwei Radler aus ihrer selig-satten Trance. Peng.
Gewitter!
Sturzregen!
Sturm!
In solchen Extremsituationen gehe ich neuerdings immer auf Nummer sicher. Erstmal den Fahrradhelm aufsetzen. Die folgenden Minuten vergehen so schnell, dass sie in meiner Erinnerung jenseits der messbaren Zeit ablaufen. Quasi in Minuszeit. Puff.
Plötzlich liege ich im von Eike aufgebauten Wohnzimmer. Die Schreibpflicht ruft mich. Leider kann ich ihm beim Festzurren der Heringe zwischen Schlammpfützen, Brennnesseln und Dornensträuchern bei krachenden Niederschlägen gerade nicht behilflich sein. Ich muss für den Blog Einträge schreiben. So liege ich vom Helm beschützt unter der Plane, die reihenweise Regenlaute von sich gibt, und feiere mit allerlei Insektenkram ein ökumenisches Beisammensein mit Buchstaben am Bildschirm.

Sou, Computerfreak, alles wieder under controul, se Kahn is in se Dock.

Eike ist wieder reingekommen.

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It’s a kind of sacred

Saint-Roch. Mal wieder Saint-Roch. Besonders kreativ waren die frommen Kirchenaufsteller in den vergangenen Jahrhunderten nicht. Fast alle Kapellen am Wegesrand tragen denselben Namen.
Sankt Rock.
Rock wie Rockmusik, nicht Rock wie unter den Rock greifen.
Diese Kapelle Sankt Rock, die wir kurz vor Ende des geplanten Etappenziels erreichen, ist wunderschön gelegen. Wir lassen uns dazu hinreißen, die Abfahrt auf den nächsten Tag zu verschieben und uns in die Nähe der Kirche zu betten. Dieser 180°-Blick von der einsame Anhöhe über das Umland würde jede Libelle vor Neid so sehr erblassen lassen, dass man sie nicht mehr von einer Mückenlarve unterscheiden könnte.
Doch wie die Sonne sich senkt, wie die schweißgetränkten Trikots vom Wind abgekühlt werden, wird uns kalt. Ziemlich kalt. Wir sind nur auf 353 Metern Seehöhe, und doch bläst es hier wie aus einer Klimaanlage.
Wo schlafen wir? Rechts neben der Kirche? Zu windig. Links neben der Kirche? Auch zu windig. Hinter der Kirche? Zu verkackt. Selbst hartgesottene Latrinencamper wie wir werfen das Handtuch, wenn eine Wiese einen Farb-Quotienten aufweist, der 1:1,5 übersteigt (grün:braunweiß).
Also, wo pennen? Gegenüber der Kirche beim Picknickplatz? Zu schattig, da kommen wir morgen nie aus den Kunstfasern.
Es weht.
Die Kirche!
Von den vorherigen Hitzetagen gut temperiert, strahlen die dicken Steinmauern eine wohlige Wärme aus. Doch die 0,5-cm-Isomatte ist dem harten Steinboden nicht gewachsen. Eine Lage Stroh wäre jetzt gut, sage ich zu Eike.
Wir kochen erstmal. Eine Kirchenbank wird zum Wäschetrockner, eine zum Schrank, eine zur IT-Abteilung und eine zum Küchentisch. Die Funktion der HIFI-Anlage übernehmen Eike und ich abwechselnd: Ein beherzter Zug an der Kette neben der Tür erzeugt einen friedlichen Ton. Zusätzlich zücken wir das seit Langem ungenutzte MP3-Handy und erweisen dem Kirchennamen alle Ehre. Wir rocken.
Die zwei Glöckner knien sodann fromm auf der Holzbank und fressen Pasta vom Campingkocher.
Ein Verdauungs- und Erleichterungspaziergang (Quotient: 1:1,52) fördert in direkter Kappellen-Nachbarschaft ein im Mondlicht erstrahlendes frisch gemähtes Kornfeld zu Tage. Wir tragen sechs Arm voll Stroh in den windgeschützten Eingang der Kirche und schlafen wie Prinzen. Zwei selige Stallprinzen im geheiligten Kornbett.

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