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Malic

Tifaines Mitbewohner ist Comiczeicher. Er isst Reis zum Frühstück, Reis zu Mittag und Reis zum Abendbrot. Seit seinem Jahr in Vietnam hat er sich nicht wieder an den ungesunden westlichen Ess-Rhythmus gewöhnt. Weißer Reis mit grünem Salat zum Frühstück. Zu besonderen Anlässen gibt es Öl und Salz dazu, zum Beispiel wenn Gäste im Haus sind.
Vietnam sei so konsequent kommunistisch, dass dort niemand auch nur im Entferntesten an Aufbegehren oder eine Kritik der bescheidenen Lebensumstände denken würde. Autos gibt es fast keine. Auf den Landstraßen hielten sich die meisten der motorisierten Zweiräder an das Tempolimit von 60, die LKWs jedoch nicht. Jeden Tag hätte er einen schweren Unfall gesehen. Aber die ältere und mittelalte Generation sähe den Tod gar nicht so eng.
Jeder stirbt, der eine früher, der andere später.
Einzig die jungen Leute plädierten für eine vorsichtige Fahrweise.
Wenn im Vietnam jemand stirbt, kommt eine Musikkapelle und spielt eine Woche lang am Ort des Ablebens. An allen Ecken schmettere es, so sei der Tod viel präsenter als bei uns.
In seiner Nachbarschaft sei einmal ein Handwerker tödlich verunglückt, weil er auf dem höchsten Punkt des Gerüstes einen umgedrehten Blumentopf als zusätzliche Leiter benutzte. Der Topf bewegte sich, der Mann kam aus dem Gleichgewicht und stürzte alle Stockwerke hinunter. Sein Nachfolger, ein paar Tage später, während die Kapelle unten die Trauerlieder für den Kollegen blies, wendete denselben Trick mit dem Blumentopf an.

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Breakfast at Tifaine’s

„Wann wollt ihr kommen? Jetzt?“ – „Ja.“ – „Jetzt gleich?“ – „Ja.“ – „OK, ich geh heute nicht so spät ins Bett, aber wenn euch das nicht stört, kommt vorbei!“
Eine Stunde, bevor wir unsere schlammverkrustetn Bikes die vier Stockwerke zu seiner WG hochtragen, sagt Tifaine spontan zu. Wir können als Fremde ohne Voranmeldung zwei Tage bei ihm übernachten.
Er ist Fahrradmechaniker, war bis vor kurzem ein Jahr arbeitslos, und hat jetzt notgedrungen eine Stelle einem großen Sportgeschäft angenommen. „Nur Scheiß-Ware verkaufen die dort, ich muss da dringend raus. Wir reparieren sogar die neuen Bikes, bevor wir sie verkaufen können.“
Er ist offen, lustig, großzügig und unkompliziert – Wie man sich einen Gastgeber wünscht. Nicht aufdringlich, aber auch nicht langweilig.
Die WG strahlt den unverkennbaren Charme der Behausungen von Langzeitstudenten und intellektuellem Prekariat aus – Spuren akkumulierter Lebensjahre in humanistischer Freiheit und ökonomischem Grenzgang.
Nach drei Wochen auf der Isomatte scheint der Futon im Wohnzimmer ein Wasserbett zu sein, die abgewetzte WG-Möblierung mutet nach 5-Sterne-Hotel an, und das fröhliche Lärmen der jungen Menschen auf der Straße, das durch die alten Fenster hereinschallt, ist durch nichts zu ersetzen. So schön die Landschaft, so befreiend die Natur, so malerisch die Dörfer – Eins findet man auf dem Jakobsweg bestimmt nicht: Urbanes Flair.

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