Archiv der Kategorie: Deutschland

Aus 2 mach 0,5 im dunklen Äther

100 zeigt der Tacho an, als die Sonne untergeht. Hundert Kilometer sind es, die wir bis dahin gefahren sind. Es fehlen nur noch 100 bis Hamburg. Nur noch eine Tagesetappe.
Für die letzten 100 Kilometer und die groß angelegte Zieleinfahrt bleiben uns 2 geplante Tage. Der Wetterbericht ist schlecht. 100 Kilometer, zwei Tage? So kurz vorm Ziel? Zwei Regentage? Wer würde Freitag nach Buchholz kommen, wenn es in Strömen regnet?
Die einzige Antwort: Wir kappen die Nacht. Direkt im Anschluss an die normale Tagesleistung suchen wir nicht den schönsten Schlafplatz, sondern die größte Herausforderung. 12 Stunden Fahrradfahren. Weiter, durch die schwarze Nacht, auf dem schwarzen Asphalt, weiter, bis Hamburg.
Durch die schwarze Lüneburger Heide, über schwarze Radwege an schwarzen Landstraßen, zwischen grauen Baumstämmen und weißen Reflektoren. Weiße Punkte im schwarzen Nichts.
Die kleinen Camping-Kopflampen erhellen die drei Meter vorm Lenker. Neben dem schwarzen Asphalt blitzen graue Baumstämme auf und verschwinden. Hinter dem dunkelgrauen Schein der Kopflampen: Schwarz. Schwarzer Äther.
Wir decken uns bei den bunt gleißenden Verpflegungsstationen (Supermärkte) mit Apfelsaft, Riegeln, Trockenfrüchten und Bananen ein. Mehrmals – Der Treibstoff ist schnell verbraucht.
Wir fahren weiter, dem brennenden Arsch zum Trotz. Wir überhören den Ruhewunsch der harten Achillessehnen. Wir berauschen uns am Summen der Reifen im schwarzen Nichts. Die Beine treten weiter.
Die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos überblenden die Schmerzen im Rücken. Die Reifen summen. Wir singen.
Himmelsrichtungen sind schwer auszumachen im Nichts. Wir verfahren uns 2-mal und haben bei der Ankunft auf dem Apostelkirchen-Platz 226 Kilometer auf dem Tacho.
Der Sekt schmeckt süß. Sehr süß.

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Centrum

Die letzten Höhenmeter in den Harburger Bergen sind geil. Richtig hart und sind die Musklen, richtig schwer die Beine. Aber es funktioniert noch, man kommt mit 16 km/h den Berg rauf und mit 35 wieder runter. Die Berge sind sanft, hier, im hohen Norden, nahe der Heimat.
Wir pesen in einem Lucas-Brunelle-mäßigen Dreiergespann durch die leere Nacht. Volle Kanone. Keine Kreuzung zu groß, kein Waldstück zu dunkel, keine Kurve zu eng.
Wir
haben
es
drauf!
Gottfried, Eikes Vater, holt uns um elf Uhr nachts in Buchholz ab. Er kommt uns von S-Bahn Harburg entgegengeradelt. Wir treffen in der gleichen Sekunde in Buchholz ein, klatschen uns ab und fetzen in die Stadt.
Die Stadt schläft, es herrscht kein Verkehr, in dieser Mittwochnacht. Die typischen Leuchtschilder „Centrum“ in weiß und in gelb heißen uns willkommen. Im Hafen stehen die Kräne still, die Container stapeln sich. Breite Straßen, grüne Bäume, fette Hafenindustrie. Kopfsteinpflaster und Klinker.

Die Euphorie ist nicht angetrunken, nicht geschnupft und nicht künstlich. Die Euphorie kommt von ganz unten, von tief innen. Wir geben Gas. Wir jodeln in Unterführungen. Wir nehmen uns an den Schultern und fahren posierend wie Etappensieger der Tour de France über die Elbbrücken, die Arme weit nach oben gestreckt.

Wir treten in die Pedale, als wir in den alten Elbtunnel fahren. Beim Selbstportrait in voller Fahrt lege ich mich beinahe auf die Fresse. Eikes Übermut äußert sich nicht so glimpflich, er springt direkt auf eine Metallkante und zerfetzt sich den Schlauch. Bei der Reparatur vor den Fahrstühlen kriecht die Müdigkeit in die Knochen, es ist kurz vor eins, wir sind seit 13 Stunden auf dem Fahrrad.

Wir singen, als wir die Reeperbahn überqueren.
Wir jubeln, als wir durchs Schulterblatt fahren.
Wir hüpfen über die letzten Treppenstufen und werden, als wir Arm in Arm das vorbereitete Zielbanner durchqueren, von strahlenden Elternfans empfangen, die Tränen in den Augen haben.

HAMBURG!

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Chill Out

Dieses Geräusch ist eine Nichts-Tu-Tröte, ein Schlaf-Weiter-Weckruf, ein Ach-egal-Appell. Wenn morgens der Regen auf die Plane prasselt, heißt es: Umdrehen, schnell das Ziel für die Tageskilometer vergessen und weiterschlafen.

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Germania Monsoon

Das drückt auf’s Budget, das Scheißwetter. Draußen Radfahren bei Nieseln und Regen, das geht ja noch. Wenn einem kalt wird, tritt man fester in die Pedale. Für die Leistung ein Segen.
Aber sich draußen aufzuhalten, wenn es tagelang grau ist, das geht nicht. Gemütliche Orte ohne Konsumzwang, die sind außerhalb des privat Abgeschotteten nicht zu finden. Wir geben bei jedem Aufwärmen, bei jedem drinnen Aufenthalten – Abgesehen vom abendlichen in-den-Schlafsack-Kriechen und vom Couchsurfing – Geld aus.
Auf öffentliche Bibliotheken, Bahnhofshallen oder Kaufhäuser auszuweichen, wo es warm und trocken ist, aber kein Konsumzwang herrscht, dazu sind wir nicht fähig. Wenn man schon draußen schläft, im Zugwind, unter einer einer hüfthohen kondenswasser-feuchten Plane, und schon seit Wochen auf den Luxus der eigenen festen Behausung verzichtet, soll es wenigstens beim Essen gemütlich sein.
Die westliche Zivilisation ist schon seltsam. Das Dach über’m Kopf bietet Schutz vor der fiesen Umwelt, kostet aber selbst arme Studenten noch mindestens 10 Euro am Tag. Jeden Tag zehn Euro allein für das Recht auf die vier Wände – Manche geben fürs Essen weniger aus.
Unser Reise-Konzept zeigt Schwächen, es war nicht auf tagelangen Regen ausgelegt. Die Natur hebelt unseren Minimalismus aus. Der Gaskocher bleibt kalt. Wir müssen es um die Inanspruchnahme kommerzieller Gastronomie erweitern.
Couchsurfing funktioniert hervorragend. Offene, großzügige Menschen öffnen die Pforten ihrer Behausung und bieten Reisenden wie uns Obhut. Aber eine exakte Planung der Tagesetappe ist nicht möglich, wenn man die Strecke nicht kennt, wenn man nicht weiß, welche Pannen und Wetterkapriolen uns an diesem Tag überraschen werden. Oft fühlen wir uns abends noch fit und fahren weiter als gedacht. Oft liegen die Häuser der couchsurfing-Gastgeber im Tal, wenn wir auf einem Höhenweg sind, oder sie sind zu weit weg von der Strecke.
Die Autonomie der mobilen Behausung gewinnt. Egal wo, eine Plane ist schnell aufgespannt. Sie ist unschlagbar leicht, aber eine Plane ohne Zeltboden gibt die Nässe der Wiese direkt an den Schlafsack weiter. Trotz Isomatte. Scheint tagsüber nicht die Sonne, kann man den Schlafsack nicht trocknen, und abends kriecht man wieder in den feuchten Schlafsack. Zwei bis drei Nächte lassen sich bei milden Temperaturen und bei Windstille so aushalten, dann wird es kritisch.
Kritisch in doppelter Hinsicht: An das Empfinden von kalten Füßen gewöhnt man sich, wenn man den ganzen Tag mit nassen Schuhen fährt. Aber der ehrlichste aller Sinne, der Geruchssinn, will sich nicht daran gewöhnen: An modernde Socken, an modernde Rucksackpolster und an modernde Trikots. Dieser Gestank ist neu. Das hat nichts mehr mit Schweiß zu tun, nichts mehr mit der Sonnencreme von Vorgestern, nichts mehr mit vaselinegetränkten Radhosen-Polstern – Das ist eine
Liga höher.
Flüsse, Bäche und Seen verlieren ihre Anziehungskraft, an feuchten Abenden vor absehbar kühlen Nächten. Auch im Tau auf der Wiese suhlen wir uns nicht mehr. Im Regen zu tanzen würde sich anbieten, aber mit Brennesseln und Disteln im Fuß versaut man sich den Stil.
Wir gehen dazu über, Socken, Rad-Handschuhe und uns selbst auf den beheizten Toiletten von Cafés, Restaurants und Imbissen zu waschen.
Am besten eignen sich dafür Asia-Imbisse. Die bieten Essen mit frischem Gemüse zu geringen Preisen, schenken Tee in großen Kannen aus und sind am schlechtesten besucht – Die Regenzeit übersteht man am besten bei Tschi-Gong, Thai-Fung und Sou-Hu, da stört einen niemand am Waschbecken.

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Frankfurt

Das soll die Stadt sein, von der ich immer dachte, es sei die hässlichste Deutschlands? Dieser Marktplatz mit diesen süßen Fachwerk-Fassaden, diese offenen Menschen und liebevoll eingerichteten Cafés, dieser majestätitsche Main mit seinen hervorragend ausgeschilderten, fern jedweden Straßenlärms geführten Hessen-Radwegen? Ist das wirklich Frankfurt?

  • Strandcafé
    Koselstr. 46
    60318 Frankfurt/Main
  • CAFE KARIN
    Grosser Hirschgraben 28
    60311 Frankfurt/Main

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Hessen

Hessen ist schön. Bunt gestrichen sind die Balken der Fachwerkhäuser, lieblich geschwungen die Hügel des Odenwaldes. Die Menschen sind einfach, offen und freundlich, die Radwege leer.

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Alle hocken drinnen – Wir nicht

Lesen, glotzen, arbeiten, schlafen, essen, daddeln, saufen. Alle hocken drinnen.
Zwischen dem einen oder anderen Busch macht man einen vereinzelten Hundebesitzer aus, der hinter seiner Kapuze oder unter seinem Regenschirm sehnlichst darauf wartet, dass das ockerfarbene olfaktorische Oeuvre seines besten Freundes sich endlich emanzipiert und den Weg aus dem dunklen Hundedarm in die feuchte Freiheit findet.
Man selbst ist einzig mit einem neonfarbenen Rucksacküberzug bewaffnet. Das kurze weiße Trikot und die kurze schwarze Radlerhose sind so selbstverständlich am Körper, dass der Begriff „Alltagskluft“ schon untertrieben wäre. In ihnen zieht man durch die Lande, wie immer. Auch diese Sportpelle ist ein olfaktorisches Oeuvre, aber zumindest die dem Regen ausgesetzte Vorderseite profitiert vom Niederschlag. Die sanfte Gesichtsmassage vom Nieseln würde gar nicht auffallen, wenn sich die Schlechtwetter-Gläser der Sportbrille nicht mit Wassertropfen füllten und die Sicht trübten.
Ein tiefes Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit macht sich breit, wenn man Kilometer für Kilometer den Gewalten trotzt.
Ihr hockt drinnen – Wir radeln.

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